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Kleider machen Leute?

Um meine persönliche Meinung vorweg zu nehmen: Natürlich nicht. Aber ich möchte meinen Blogpost von gestern doch noch etwas ergänzen, vielleicht erläutern. Einige Eurer Anregungen, Gespräche mit Piraten und nicht zuletzt auch dieses Blog zeigten mir, dass hier doch so einiges klargestellt werden muss.

Nein, ich bin sicher einer der letzten, der irgendjemandem vorschreiben möchte, was er so zu tragen hat. Wer mich kennt, weiß, dass mich Äußerlichkeiten tendenziell gen Null tangieren. Ich habe das abgelaufene Wochenende mit rund 500 Kindern und 100 Erwachsenen auf einem Hockeyplatz verbracht, habe im Zelt geschlafen, mit wildfremden Menschen unter der Dusche gestanden um danach im Jogger am Lagerfeuer im Nieselregen ein paar Bier zu trinken. Im Landtag trifft man mich im Regelfall in Turnschuhen, Jeans und T-Shirt, Polohemd oder Kapuzenpulli an – wer’s tragen kann 😉

Zu Plenarsitzungen, diese Entscheidung habe ich für mich längst getroffen, wird’s halt ein Stück weit formeller. Ich habe vor etwa 17 Jahren meine Ausbildung zum Versicherungskaufmann begonnen und kenne es nicht anders, als businesskonform arbeiten zu gehen. Das erste aber, was seit meinem ersten Arbeitstag im September 1995 zuhause immer wieder geschieht ist, den Kram abzulegen und mich nach meinem Geschmack zu kleiden. Gefallen hat mir das noch nie. Ich liebe es, dass ich im Landtag so arbeiten kann, wie ich mich wohlfühle. Ich akzeptiere aber, dass es viele Menschen gibt, die ein anderes Outfit erwarten. Mein Kompromissangebot ist, dass ich eben im Plenum einigermaßen businesskonform auftreten werde (in den ersten beiden Sitzungen übrigens mit Turnschuhen, einmal mit Jeans, einmal ohne Krawatte), an plenarfreien Tagen aber eben im lässigen Look. Wie meine Kollegen das handhaben, kann ich nicht beeinflussen. Zu meiner Aussage von gestern:

Ich halte es nicht für zuviel verlangt, wenn dann Landtagsabgeordnete mal ein Jackett zu einer Plenarsitzung anziehen.

stehe ich natürlich nach wie vor. Ich denke aber im Traum nicht daran, nun jeden dazu zu überreden oder dergleichen, hoffe aber, dass am Mittwoch nicht plötzlich jemand im Blaumann auftritt 🙂

Mal was zu Dresscodes im Allgemeinen

Sind Dresscodes eigentlich so ungewöhnlich? Viele von uns sind in einem Sportverein. Dort ist es absolut üblich, dass es allgemeine Dresscodes gibt. In  Wettbewerben gibt es sogar uniformartige Verkleidungen. In den Fußballstadien und auf den Fanmeilen sehen wir Fans in Landesfarben und Trikots Ihrer „Fußballgötter“. Mal am Rande: ich fänds toll, wenn alle Fraktionen im Landtag Trikots an hätten. Rote Trikots für die SPD, orange für uns. Aber ob wir das in den nächsten fünf Jahren etablieren können?

Auch bei den Piraten ist dieses Verhalten nicht ungewöhnlich, oder warum laufen auf Parteitagen die meisten Mitglieder mit piratisierter Kleidung herum? Auch das alles ist ein Stückchen gesellschaftlicher Anpassung. Eine Form der Darstellung der eigenen Persönlichkeit.

Aber Nichtanpassen um den Zwangsrevoluzzer zu spielen? Nee sorry … Auch Andre Agassi hatte Ende der 80er auf Auftritte in Wimbledon verzichtet, weil er nicht in weiß spielen wollte. Wenn er sich nicht irgendwann dazu entschieden hätte, wäre ihm sein einziger Sieg 1992 auf dem heiligen Rasen verwehrt geblieben. Fand damals jemand den Agassi nun plötzlich doof, weil er nicht in bunten Klamotten gespielt hat? Oder besser, weil man die bunten Klamotten eh nicht leiden konnte?

Lasst uns diese gesellschaftlichen Dinge aufbrechen, aber nicht wie ein Elefant im Porzellanladen. Gut Ding will Weile haben 😉 Lasst uns in den politischen Diskurs gehen und nicht auf Nebenplätzen spielen. Wir haben uns mit 20 Leuten für Wimbledon qualifiziert. Aus dem Turnier schmeißen kann uns niemand, aber ich persönlich will auf den Centre Court der Politik. Ich will, dass wir vorne mitspielen und eben nicht auf Kleidungsgedöhns reduziert werden. Ein bisschen Anpassung empfinde ich eben als kein zu großes Opfer. Aber das alles freiwillig. Ohne Zwang und jeder so, wie er mag. Wenns ein Jackett ist: gut. Wenns mal nur ein Hemd ist: auch gut. Jeder so wie er kann, vielleicht mit gesunden Kompromissen, so dass man sich selbst im Spiegel noch erkennen kann.

Ich bin übrigens immer der gleiche: nackt (das erspare ich Euch), im Jogger, mit kurzer Hose, in Jeans und auch mit Jackett. Und noch was übrigens: im olympischen Tenniswettbewerb, der dieses Jahr in Wimbledon ausgetragen wird, dürfen die Spieler ihren Dress in Landesfarben anziehen … Es geht doch. Dauert aber manchmal …

Genug von dem wirren Zeug. Zur Sache: ein kurzer Rückblick.

Schon in meiner ersten Präsidiumssitzung wurde darauf hingewiesen, dass die konstituierende Plenarsitzung feierlichen Charakter habe und man Wert darauf lege, dass die Abgeordneten angemessen gekleidet seien. Auch damals wurde schon angekündigt, dass wir in einer der nächsten Sitzungen noch über das Thema sprechen sollten – lange, bevor auch nur einer der 20Piraten überhaupt das Plenum betreten hat.

In der Präsidiumssitzung in der vergangenen Woche wurde das Thema erneut angesprochen. Nach einer kurzen Diskussion kamen wir im Präsidium zu dem Entschluss, dass ein Schreiben der Präsidentin an alle Abgeordneten ein probates Mittel sei, auf die Stellung des Hohen Hauses und seiner Mitglieder hinzuweisen. Diese Entscheidung trage ich auch weiterhin uneingeschränkt mit. Ich finde gut, dass offen über Erwartungen an die Abgeordneten gesprochen wird. Auf meinen Einwurf in der Sitzung, dass wir Piraten doch äusserst angemessen gekleidet und alle Beteiligten ja eher überrascht haben, wurde mir von allen Seiten versichert, dass die Hinweise eben nicht auf uns, sondern auf alle Parlamentsneulinge bezogen sei.

Besagtes Schreiben ging dann am vergangenen Freitag vorab an die Fraktionsvorsitzenden und die PGF, mit der Ankündigung, dass die Abgeordneten dieses Schreiben dann am morgigen Dienstag – nach den üblichen Fraktionssitzungen – erhalten werden.

Aber dann kam der Spiegel

Spiegel Online war wohl das erste Medium, welches gestern dann über das Schreiben der Präsidentin berichtete. Im letzten Abschnitt erwähnt der Spiegel:

Unangemessene Bekleidung ist der Präsidentin offenbar in den ersten beiden Sitzungen des neuen Parlaments unter die Augen gekommen. Verantwortlich dafür waren vor allem die Parlamentsneulinge der Piraten, von denen einige möglicherweise nicht einmal ein Jackett im Schrank haben.

Frau Gödecke selbst versicherte heute den Präsidiumskollegen, dass die Presse über das Schreiben nicht informiert wurde:

Zugleich möchte ich Sie darüber in Kenntnis setzen, dass eine Information der Medien über das Schreiben nicht durch mich oder durch das Präsidialbüro erfolgt ist.

Was passiert hier grad?

Es zeugt wohl nicht grad von Qualitätsjournalismus, dass der Spiegel hier versucht, der Präsidentin Aussagen anzudichten. Der Artikel (und ähnliche in anderen Medien) ist der plumpe Versuch uns gegenseitig auszuspielen. Die Medien erwarten einen Beißreflex der Piraten, der online auch kam, aber wohl längst nicht so ausgefallen ist, wie sich einige Medienvertreter das vorgestellt haben.

Bedanken sollten sich alle ernsthaft agierenden Mitglieder des Landtags unterm Strich bei demjenigen, der diese Vorabinformationen der Presse zuspielte. Erreicht werden soll hier wohl, dass wir Piraten auf diesen ganzen SchnickSchnack reduziert werden. Wer den politischen Diskurs scheut, muss wohl zwangsläufig zu solchen Mitteln greifen.

Das, liebe Kolleginnen und Kollegen, sollten wir mal diskutieren und uns nicht weiter über Anzüge, Jacketts und Kopfbedeckungen unterhalten.

 

1 Kommentar zu “Kleider machen Leute?

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